Review: Angeln auf hohem Niveau - Der Angelsimulator 2008
Nach den großen Krachern "Müllwagensimulator", "Baggersimulator" und "mein Bauernhof" zerschmettert die Softwarefirma Astragon die Schaufensterscheiben mit einem Zahnwurzel-ziehenden Sim der Superlative: "Angeln 2008"!
Call of Duty-Spieler, Crysis-Fanaten und Top Gun-Piloten aufgepasst, denn bereits der Start dieses Spiels wird euch die Zehennägel bis zu den Knien aufrollen und euch vor Aufregung und Stress nie wieder schlafen lassen! Unsere Autorenkollegin Sabine erklärte sich bereit, einen halsbrecherischen Schritt in den Simulator zu wagen und euch hochkonzentrierten Piloten - exklusiv für FS.com - einen Blick aus sicherer Entfernung auf das Paket werfen zu lassen.

Systemrequirements
Bereits als ich die Website öffnete, klopfte mein Herz stärker. Gerade hatte ich mir einen neuen Rechner gekauft, doch ob der reichen würde? Vor meinem geistigen Auge sah ich schön die zehn Hektar (Terrabyte) Speicher, die Quadrillionen MB Grafikkarte im 4x SLI-Verband und den Quinten-Core Sechszylinder Prozessor. Doch nein!! Nicht einmal ein Prozessor mit dreifacher Ionen-Schalldämpfung und Hochgeschwindigkeitsreaktionsnachbrenner wurde benötigt… Dort unten standen 100 MB freier Speicher und 450 MHz Prozessor. Und mein Herz erfüllte sich mit Freude.
Installation
Wie ich es vom FSX und anderen sinnlosen Computerspielen gewöhnt war, holte ich mir eine Packung Chips, ein gutes Buch und ein Puzzle, um die Installationszeit zu überbrücken. Und hier traf mich der erste Schock. Ich wählte den Installationsordner und drückte den großen, schweren Schalter "Installieren" - doch plötzlich lief nichts mehr nach Plan. Innerhalb von wenigen Millisekunden erschien das Fenster "Vielen Dank für die Installation von Angeln 2008. Klicken Sie auf Fertigstellen, um die Installation zu beenden."
Das verstand ich nicht - trotz Abitur. Mein Atem stand still. Nichts rührte sich mehr. Wie gebannt starrte ich auf den Bildschirm und hoffte, dass der Installationsprozess nun losgehen würde. Doch ich wurde enttäuscht. Nachdem nach einer dreiviertel Stunde diese Nachricht immer noch angezeigt wurde, schaltete ich den Rechner aus und startete neu. Und es half! Die Nachricht wurde beim Neustart tückisch ersetzt durch ein kleines Icon mit einer rosa Kugel, unter der "Angeln 2008" geschrieben stand.
Das Menü
Vorsichtig doppelklickte ich auf das Icon… die Bildschirme begannen verheißungsvoll zu flackern. (Später stellte sich heraus, dass sie mit der Auflösung von 800x600 nicht zurechtkamen) und schließlich erschien ein Bild. Fünf Optionen stellten sich mir zur Wahl: Eine Bestenliste, Letztes Spiel, Neues Spiel, Impressum und Verlassen. Auch wenn ich mich zu gern für die letzte Option entschieden hätte, blieb ich tapfer und gab bei "Neues Spiel" vorsichtig meinen Namen ein.
Sogleich fand ich die Optionen, um möglichst schnell die Grafikeinstellungen runter zu schrauben, damit es nicht hackte: Doch leider hatte man das nicht bedacht! Die Komplexität der Optionen beschränkte sich bis auf weiteres auf die Einstellung von An/Aus.

Die erste Angelstunde
Und dann war es soweit: In meinen Handflächen sammelte sich kalter Schweiß, meine Zähne knirschten aufeinander und das Herz schlug mir bis zum Hals. Vor mir befand sich das künstliche Bild eines verborgenen Sees mit Wasserglitzereffekt. In der braunen, ca. 3 Pixel breiten und 170 Pixel langen Linie sah mein geschultes Auge sofort: "Die Angel!"

Nur schwer forstete ich mich durch die unterschiedlichen Buttons auf der rechten Seite, um mir die Funktion daraus erdenken zu können. Doch schon bald beschloss ich, die Readme zur Hand zu nehmen. Zum Glück half mir diese weiter.
Also warf ich die Rute aus und als der Schwimmer das Wasser berührte, verlor ich das Bewusstsein. Noch heute habe ich keine Erinnerung, was danach passierte. Ärzte von Leistungssportlern vermuten, dass der Adrenalinausstoß beim Auswerfen der Angel derartig groß gewesen sein muss, um den Salzhaushalt in meinem Gehirn durcheinander zu bringen, was wiederum zum Komplettrückstau des ADH-Hormons in der Niere und so zur Bewusstlosigkeit führte. Es besteht aber auch die geringe Wahrscheinlichkeit, dass ich eingeschlafen bin.
Doch wollen wir nicht weiter darauf rumreiten, sondern uns um die Fakten kümmern.
Mein zweiter Versuch war erfolgreicher. Mit einem Ventilator, einem Herzrhythmusgerät und einer 3D-Brille bewaffnet, machte ich mich an die zweite Angelstunde. Und endlich durfte ich die wunderbaren Spezialeffekte genießen!
Spezialeffekte
Zum Einen gibt es ganz Unterschiedliche Tapeten vor der Angel (leider sind die Tapeten nicht animiert)…

Doch nun die Crème de la Crème, der vermutlich nur mit Vista kompatible Tageszeiten und Wettertausch!!

Doch kommen wir nun zum wohl zentralsten Punkt beim Angeln. Die Fische - pardon, das Warten. Wie wir alle wissen ist der Weg das Ziel, und als ausgezeichnetes Feature wurde dieser hier außerordentlich lang gestaltet.
Doch dann war es soweit. Nach 15 Minuten des Stierens auf den Bildschirm gab es plötzlich ein verschwörerisches Zucken am Schwimmer… Dank des Herzrhythmusgerätes blieb ich so cool wie ein FSX-Pilot und zwang den Fisch mit einem heftigen Ruck an den Haken. Und nun begann das Spiel: In einer nervenaufreibenden Schlacht aus Nachlassen und Einholen kämpften der Fisch um sein Leben und ich um mein Abendessen! Meter für Meter zog ich ihn heran, er zappelte, die Angel bog sich und das Alarmpiepen des Spiels signalisierte die heikle Situation. Nur noch wenige Zentimeter trennten meine zitternden Hände vom glitschigen Aal, der wie der Teufel versuchte, sich aus der Schlinge des Todes zu entwinden!! Ein letzter kräftiger Ruck am Seil, UND... … das Seil riss.
Tränen schossen in meine Augen, ich sprang auf und rannte weinend zum Schrank mit der Schokolade...
… nur nach langem Zureden enger Bekannter und Verwandter beschloss ich, die Angel wieder auszuwerfen. Und so begab es sich, dass sich einige Stunden später erneut ein verdächtiges Zucken ankündigte. Und wieder begann der Kampf, diesmal war ich selbstsicherer und hatte Mascara aufgelegt! (Was übrigens ein wichtiger Bestandteil dieser Review ist)
Zügig zog ich den Fisch heran - er sollte keine Chance mehr haben! Und endlich war es soweit: Ich zog ihn tatsächlich aus dem Wasser! Innerhalb einer Zehntelsekunde trafen sich unsere Blicke. Ich starrte in das weit aufgerissene Auge des panischen Fisches und stellte fest: Auch ER hatte Mascara aufgelegt! … kurz darauf riss mir die Schnur.
… nein, ganz so bildlich läuft das Ganze leider nicht ab. Der gefangene Fisch ist lediglich 10 Pixel groß, und aus der Nähe betrachten oder selbst in den Korb legen darf man ihn auch nicht. Stattdessen bekommt man das hier:

Dankeeeeeee.
Aber, dass es auch anders geht, zeigt sehr schön folgendes Bild: Ein Fisch, der übrigens mit einem wenige Zentimeter großen Haken und einem handelsüblichen Regenwurm gefangen wurde.

(man beachte die Größe des Fisches an der Angel und die Längenangabe auf dem Infoblatt)
Special Features
Als besonderes Sahnehäubchen stellen sich Funktionen die dar, die (sicherlich mit Absicht) im Handbuch anders beschrieben wurden, um die angekratzte Seele des nervenaufgeriebenen Anglers zu strapazieren. Laut Handbuch gibt es nur bestimmte Fische in jeweiligen Seen - doch Achtung, freie Auswahl! Es gibt nämlich alle Fische in allen Seen! Außerdem sollen nur bestimmte Fische auf spezifische Köter anbeißen. Köder mein' ich. Doch wieder glänzt das Programm mit spitzbübisch durchdachtem Überraschungseffekt: Wenn man eine Hähnchenkeule ins Wasser wirft, klebt immer alles dran. Und das ist nicht nur beim Hähnchen so, sondern auch beim ganzen Hummer, fetten Kröten, Shrimps, Weinbergschnecken und vermutlich wäre es auch bei Asbestdachziegeln so. Bei dem, was man hier alles an die Angel hängen kann, scheint es sowieso so, als ob man jene nicht als Köder, sondern als Waffe nimmt und damit versucht, die Fische zu erschlagen! Doch leider enttäuscht hier Angeln 2008 etwas: Es gibt keine AddOns für weitere Gegenstände, die man als Köder ins Wasser werfen kann, wobei die Auswahl der Tiere schon lähmend (vor Erstaunen) ist.

Berauschende 54 Angelplätze bereichern die Ohnmacht des ausgepowerten Anglers, wenn er sich nicht schon an den Gräten des ersten Fisches die Zähne ausgebissen hat. Diese, (also die Angelplätze) werden entsprechend des Punktestandes freigeschaltet und sind sicherlich jeweils eine Augenweide für sich, auch wenn ich noch nicht alle gesehen habe. Da ich vom vielen Hinsehen bereits unter einer Hornhautentzündung leide, musste ich leider etwas kürzer in meinem Angelhobby treten.

Fazit
Dieses AddOn ist nichts für Weicheier. Eine Jetpiloten-Tauglichkeitsuntersuchung ist dringend empfohlen, bevor man sich auf das schwindend schnelle Karussell des Angelzirkus begibt! Ein Regenmantel für eventuelle Schweißausbrüche und Drainagen im Bürostuhl sind vorgeschrieben und die Firma übernimmt zu Recht keine Haftung für bleibende Schäden im Kontrollzentrum des Gehirns. Jetzt weiß ich, warum professionelle Angler Gefahrenzuschlag bekommen und man Angler eigentlich nie unter Menschen sieht… (sie leben nicht lang?)
Dank des Angelsimulators hat sich mein Leben von Grund auf verändert: Manchmal zuckt mein rechtes Auge so witzig vor sich hin, ich fange an, unkontrollierte Laute in den Raum zu rufen und dann überfällt mich das warme, weiche Gefühl von Muskelzittern.
Ich hoffe ihr könnt das auch schon bald spüren, mit dem Angelsimulator 2008, für nur 9,98 Euro!
Sabine Schubert für flugsimulation.com | Druckversion | Veröffentlicht am 06.12.2008 | Counter: 2277 Besucher
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